Artikel 2
Aufbau eines Wellensittichzuchtstammes
Hans - Jürgen H. Lenk DSV 749 (2000)
 

Wie kann ich mich als Standardwellensittichzüchter, der auf Ausstellungen Erfolg haben will, etablieren? Dazu will ich im Nachfolgendem versuchen, einige Wege auf zu zeigen. Vor jeder Ausstellung von Wellensittichen kommt die Zucht. Diese sollte gezielt erfolgen. Die Paarung erbverwandter Vögel ist Reinzucht im engsten Sinne. Mann nennt sie auch Linien- oder Inzucht. Mir ist bekannt, dass die Meinungen über dieses Zuchtsystem weit auseinander gehen. Ich bin überzeugt davon, dass man nur über die Linienzucht zum Erfolg kommen kann und möchte mich hier nicht weiter über den Sinn oder Unsinn einer Linienzucht äußern. Nur soviel, der Fehler, der bei den mit der Linienzucht arbeitenden Züchtern oft gemacht wird, liegt nur darin, dass verkehrt oder gar nicht selektiert wird.
 

Im Nachfolgenden soll, mit einfachen allgemein verständlichen Erläuterungen deutlich werden, wie man sich einen Zuchtstamm aufbauen kann und wie bestimmte Körpereigenschaften, Verhaltenseigenschaften und Farbunterschiede beeinflusst werden können. Manchem mag das Folgende vielleicht etwas zu theoretisch erscheinen. Aber glauben Sie mir, ohne Erkennung von Zusammenhängen in den einzelnen Vererbungsvorgängen kann man nicht gezielt und wissentlich Eigenschaften in einer Zucht beeinflussen.

Ein Zuchtstamm sollte nicht nach seinen besten Vögeln beurteilt werden, sondern nach der vorhandenen Durchschnittsqualität. Durch eine Linienzucht können Vögel gezüchtet werden, die ein uniformes Aussehen erhalten. Aufmerksame Züchter können auf Ausstellungen oft mit Sicherheit den Züchter der vor ihnen sitzenden Wellensittichen erkennen. Entsprechen diese Vögel dem Standard (ich meine damit, so wie er zur Zeit von den meisten Preisrichtern ausgelegt wird), ist die halbe Miete für einen Schauerfolg schon vorhanden. Das muss unser Zuchtziel sein.
An dieser Stelle sei jedoch auch darauf hingewiesen, dass man immer sehr kritisch bei der Beurteilung seiner Nachzucht sein muss. Man muss frühzeitig dafür sogen, Mängel durch Blutauffrischung mittels Fremdverpaarung zu eliminieren.
Wie schon festgestellt, kann ein erfolgreicher Zuchtstamm von Wellensittichen nur an Hand einer geplanten Linienzucht oder wie ich es bezeichne einer kompensierten Linienzucht aufgebaut werden. Kompensieren bedeutet: schlechte Eigenschaften auf der einen Seite einer Verpaarung, durch besonders gute Eigenschaften auf der anderen Seite einer Verpaarung auszugleichen. (zu kompensieren) Welche Möglichkeiten und Ergebnisse da genutzt werden können, ist aus der Grafik "Zuchtschema, Aufbau eines Wellensittichzuchtstammes" zu ersehen. Hier wird deutlich, welche Vererbungsvielfalt in einem Wellensittichzuchtstamm selbst bei einer Linienzucht noch vorhanden sein kann. Es sollte jedem Züchter klar sein, dass eine Fremdverpaarung die Anzahl der Vorfahren stets erhöht,

während die Linienzucht die Anzahl um so mehr verringert, je enger die Linienzucht betrieben wird. Bezogen auf die Erbmasse kann man davon ausgehen, dass bei weniger Vielfalt, weniger schlechte Eigenschaften vorhanden sind. Von zwei verschiedenen Linien eines Zuchtstammes kann jede für sich wertvolle Eigenschaften besitzen, welche die andere nicht hat. Sinn der kompensierten Linienzucht ist es, die guten Eigenschaften (Erbmasse) der beiden Linien zu vereinigen und die schlechten auszumerzen. Nachfolgend einige Erläuterungen zu dieser Grafik.

Vererbung der Erbmasse. Es wird immer nur die Hälfte der Erbmasse von einem Elternteil an die Nachkommen vererbt. Diese kann dominant, Geschlechts gebunden oder rezessiv sein und ist sehr abhängig, wie der Vogel gezüchtet wurde. Bis auf die geschlechts- gebundene Vererbung ist es gleichgültig ob eine Erbanlage von der mütterlichen oder von der väterlichen Seite stammt.

 

 

Die Merkmalsausbildung kann intermediär, dominant, rezessiv sein oder dominant eine rezessive Eigenschaft überdecken. Es ist darauf zu achten, dass nur die gewollten Eigenschaften für die Zucht genutzt werden.
 

Fremdverpaarung: P= Elterngenerationen
 

 ..Hahn = 100% = .50%
                  2

 Henne = 100% =.50%
                  2

                        =100%


Geschwister, - Halbgeschwisterverpaarungen
Geschwister, - Halbgeschwisterverpaarungen bringen normalerweise keine Verbesserungen bezogen auf den Stammvogel. Sie sind aber nützlich, wenn bestimmte Eigenschaften oder Formen gefestigt werden müssen.

 Hahn  = 12,5%  =. 6,25%
                2

 

.Hahn   = 6,25% = 3,125%
                2

 Henne = 12,5% =. 6,25%
.                2

 

 Henne = 6,25% = 3,125%
                2

                        .=12,50%

 

                         = 6,250%


Angleichkreuzung
Mit einer Angleichkreuzung kann die Erbmasse dem Stammvogel angeglichen werden. Dabei können die nachfolgenden Ergebnisse erreicht werden

 ..........Sohn ..=75,0% = 37,5%
                          2

 

 Stammhahn  = 100,0% = 50%
                            
2

 Tochter Generation 1
.       Henne ...= 50,0%  = 25,0%
                          2

 

 Tochter Generation 2
          
Henne = 50,0%  = 25,0%
                          2

                                   = 62,5%

 

                                   = 75,0%


 Stammhahn = 100,0% = 50,0%
                          2         

 

 Stammhahn = 100,0%  = 50,0%
                          2

 Tochter Generation 3
           
Henne = 75,0% = 37,5%
                        
.2 .

 

 Tochter Generation 4
.           Henne = 87,5%   = 43,75%..                           2

                                   = 87,5%

 

                                     .= 93,75%


F-Generationen
F-Generationen sind Verpaarungen mit Fremdhennen an einen Stammhahn. Mit diesem System können fehlende Komponenten in einen Stamm eingebracht werden.

 F1 Generation
 Stammhahn = 50,0% = 25,0 %
                        2

 

 F2 Generation
 Stammhahn = 25,0% = 12,5%
                        2

 

 F3 Generation
 Stammhahn = 12,5% = 6,25%
                      
.2

 Fremdhenne = 0,0%  =   0,0%
.                      2

 

 Fremdhenne =  0,0% =0,0%
                        2

 

 Fremdhenne =  0,0% .= 0,00%
.                       2

                                = 25,0%

 

                                .= 12,5%

 

                                  = 6,25%


Rückkreuzung

Mit der Rückkreuzung wird Erbmasse des Stammvogels zurück geholt. Mann kann damit im Stamm vorhandene Eigenschaften festigen.

 1. Rückkreuzung
.. Hahn = 12,5% .= 6,25%
                2

 

 2. Rückkreuzung
.  Hahn = 25,0% = 12,5%
                2

 

 3. Rückkreuzung
.. Hahn = 50% = 25,0%
               2

 Henne =. 6,25% = 3,125%
.              .2

 

  Henne = 12,5% =. 6,25%
                 2

 

 Henne = 25% = 12,5%
               2

                         = 9,375%

 

                         = 18,75%

 

                      = 37,5%


Die Prozentzahlen beziehen sich immer auf die gesamte Erbmasse. Bei Einzelvögel kann die Erbmasse anders aufgeteilt sein.

 Beispiel:

 

 A

 B

 A

 A A

 B A

 

 

In den Verpaarungen 1 - 5 (siehe Grafik) ist dargestellt, welche Ergebnisse man erreichen kann, wenn mit einem Hahn (Stammhahn A, Hennen B, C) zwei Linien aufgebaut werden sollen und wie die vorhandene Erbmasse genutzt werden kann.
      


Vererbung der Körpereigenschaften
Gewünschte Körpereigenschaften werden in der Regel nur dann sicher vererbt, wenn sie vorher durch Zucht gefestigt wurden. Dies kann nur durch eine Verwandtschaftszucht, wie zum Beispiel mit einer kompensierten Linienzucht erreicht werden. Welche Möglichkeiten für die Vererbung von Farben, Formen und Eigenschaften genutzt werden können, wenn man sich einen Zuchtstamm aufgebaut hat, ist aus der Grafik " Zuchtschema, Beeinflussung von Farben, Formen und Eigenschaften" zu ersehen.

 

In diesem Beispiel wird davon ausgegangen, dass mit einem Stammhahn und 4 Fremdhennen alle
Eigenschaften zur Verfügung stehen, die erforderlich sind, um ein gewünschtes Zuchtziel zu erreichen.
 Man muss sich vorher darüber im klaren sein, was man züchten will. Dazu ist es ein Muss, sich nicht nur den nach dem Standard geforderten Vogel, sondern auch  den auf den Ausstellungen gewinnenden, verinnerlicht zu haben. Da die Standards schon teilweise über 10 Jahre alt sind, entsprechen die heutigen Siegervögel nicht mehr in allen Teilen dem Standard. Nach meinem Empfinden kommt die nachfolgende Darstellung dem heutigen Idealbild am nächsten. 
 


 Zuchtziel für einen Standardwellensittich.

 Siehe Bilder:
 Idealdarstellung eines modernen Rassewellensittichs.
 Mutation: Spangle, Graugrün 1,0

 

 

 

Wie schon erwähnt, ist die Darstellung mehr ideal gemeint. Sie entspricht meiner Auffassung wie ein guter Wellensittich aussehen könnte und soll uns ins Gedächtnis rufen, welche Haltung und welchen Allgemeineindruck ein guter Wellensittich haben sollte.

Dazu jedoch noch einige Hinweise:
 
Der dargestellte Wellensittichhahn hat im Verhältnis zu den bekannten Standardbildern eine harmonisch gebogene Rückenlinie, eine sehr gute Kopfwölbung nach Oben und zur Seite und den gewünschten Blick nach unten, wodurch seine Rassequalität besonders zur Geltung kommt. Maßgebend für sein Aussehen ist auch die Anordnung der Augen. Sie sind im Verhältnis von 1 zu 3 bezogen auf den Bereich, Schnabel zum Hinterkopf, angeordnet. Er entspricht in den Zeichnungsmerkmalen und den Kehltupfen, der Standardbeschreibung für einen Spangle.
 

Köpfe BS- Standard 2000

Hahnenkopf

.Hennenkopf   

Eine feminine Wellensittichhenne sollte jedoch einen etwas abgeflachten Hinterkopf haben

etwa wie in den nachfolgenden Bildern dargestellt.

 


Welchen Einfluss hat die Maske auf das Erscheinungsbild eines Wellensittichs?
Der Kopf eines Wellensittichs ist wie bei den Menschen das Gesicht, worauf zuerst geachtet wird. Wellensittiche mit einem guten Kopf fallen den Preisrichtern sofort auf und werden bei der Bewertung sofort auf die vorderen Plätze gesetzt. Deswegen ist es sehr wichtig, sich in der Zucht mit diesem Bereich besonders zu befassen. Einen großen Anteil auf das Aussehen eines Wellensittichgesichtes hat die Anordnung und Größe der Kehltupfen, die Tiefe der Maske und die Position der Augen.
Mit den Bildern A, B, C und D wollen wir uns damit näher beschäftigen.
 

Bild A zeigt, welchen Einfluss ein schmaler Kopf
auf die Maske hat. Sie wirkt gedrungen, zwischen
den Kehltupfen ist kaum Platz. Der Wellensittich
hat einen so genannten Flaschenhals.

Bild B, durch eine flache hochgezogene
Maske, erscheint der Kopf kleiner.

Bild C, zeigt den Zusammenhang bezogen auf die Maske, zwischen Kopf und Körper. Bei einer guten Kopfbreite ist mehr Platz für die Maske an sich und die Größe der Kehltupfen vorhanden. Maskentiefe und Kehltupfengröße werden durch die Federstruktur stark beeinflusst.

Bild D, hier sind 3 wichtige Bereiche gekennzeichnet


Bereich E
, eine gute Kopfanlage (Breite) und dadurch ein besserer Übergang zur Nackenlinie (breit), ergibt einen besseren Typ.
Bereich F, die Zucht einer guten Kopfform, mit einer Wölbung über dem Schnabel nach Vorn und zur Seite, ist der
schwierigste zu erreichende Bereich in einer Zucht für Ausstellungswellensittiche. Er ist auch sehr stark von der Federqualität abhängig.
Bereich G, durch die richtige Position der Augen und einen Blick nach unten, erhält ein Wellensittich mehr Ausdruck und
Rasse. Ideal ist, wenn das Auge, von der Seite gesehen, in der Höhe der Nasenhaut angeordnet ist. Und die Position des Auges, gemessen auf der Achse, Schnabel zum Hinterkopf, im Verhältnis von 1 zu 3 gemessen von der Nasenhaut, angeordnet ist.
Wir sollten immer versuchen die aufgeführten positiven Eigenschaften in unseren Stamm einzubringen und zu festigen.


Ideale Verpaarung

Wenn ich meine Vögel verpaare, berücksichtige ich das Hintergrundwissen über meine Zuchtvögel.
Wie Abstammung, für welche Eigenschaften sie möglicherweise spalterbig oder dominant sind und welche verdeckten Fehler oder besondere Eigenschaften sie möglicherweise vererben könnten. Diese beziehen sich auf: Fruchtbarkeit, Verhalten, Körper, Federstruktur und Farbe. Bei der visuellen Verpaarung achte ich darauf, das sich Merkmale ergänzen. Ich verpaare nie zwei Vögel mit den gleichen Fehlern. Ich versuche mit jeder Verpaarung meinen Stamm zu verbessern. In der Praxis haben sich nachfolgende wichtigste Regeln bezogen auf die Geschlechter für die Vererbung von Qualitätsvögeln ergeben. Die Vererbung von herausragenden Eigenschaften ist deutlich bei den jeweiligen Geschlechtern angesiedelt und zu erkennen. Hahn zur Tochter, Henne zum Sohn. Bei Anwendung den nachfolgend angegebenen Merkmalen, können auch geschlechtstypische Wellensittiche gezüchtet werden.


Hahn

Sollte eine hohe Stirn haben. Federwuchs über der Nasenhaut, nach oben und seitlich.
Von der Seite und von vorn, einen gut abgerundeten Hinterkopf.
Die Kopfbreite kommt an zweiter Stelle. Trotts dem, sollten die Augen nicht gleichzeitig, von vorne zu sehen sein.
Die Kopfhaltung hat großen Einfluss auf Typ und Haltung.
Der Hahn hat mehr Einfluss auf Proportionen und entscheidenden Einfluss auf die Kopfhaltung. Ein Hahn mit einer guten Kopfhaltung und eingezogenem Schnabel (klein) züchtet Junge mit guter Haltung.
Normale Hähne mit Kopfflecken sind meistens spalterbig in Opalin. Nur ein Teil seiner Nachzucht hat Kopfflecken.


Henne

Sie sollte eine gute Breite des Kopfes haben (Augen nicht gleichzeitig von vorne zu sehen)
Viel Hinterkopf und einen starker Nacken mit breiten Schultern.
Die Stirn sollte weniger hoch sein. Federwuchs über der Nasenhaut, nach oben und seitlich.
Die Henne hat mehr Einfluss auf die Vererbung der Kopfqualitäten (Kopfbreite) als der Hahn.
Die Henne vererbt Größe und Kehltupfen und hat entscheidenden Einfluss auf die Flügelhaltung.
Die Tiefe der Maske ist abhängig von der Federqualität und Federstruktur.
Normale Hennen mit Kopfflecken vererben diese meistens an die gesamte Nachzucht.

Wie sich die Körpereigenschaften vererben können, macht nachfolgendes Beispiel deutlich. Es ist erforderlich, dass für bestimmte Eigenschaften, Symbole festgelegt werden.

Symbole für Berechnungen.

 K  = Kopf
 M = Maske
.= Tiefe und Kehltupfen
 G = Größe
 H = Haltung = Sitz des Vogels
                      mit Flügel- und
                      Schwanzhaltung
 

Große Buchstaben .......= Symbol für gut,
Kleine Buchstaben
.......= Symbol für schlecht
Gemischte Buchstaben = Symbol für mittelmäßig


Natürlich sollte man bei seinen Überlegungen auch noch andere Merkmale bei seinen Verpaarungen berücksichtigen, die man auf eine ähnliche Art darstellen kann. Wie zum Beispiel Zeichnung, Fruchtbarkeit, Brutverhalten und Ausstellungsverhalten. Ich habe diese Dinge hier nicht berücksichtigt, um das Berechnungsbeispiel nicht zu kompliziert zu gestalten. Es sollte auch Klarheit darüber bestehen, dass nicht alle Eigenschaften, die gewünscht sind, in einem Zuchtjahr erreicht werden können.

Berechnungsbeispiel
Verpaarung:
Wir haben einen Hahn, der hat einen guten Kopf, eine mittelmäßige Maske, Größe und Haltung. Den wollen wir mit einer Henne verpaaren, die einen guten Kopf, und eine gute Haltung, aber nur eine mittelmäßige Maske und Größe hat. Was glauben Sie, welches Ergebnis da erreicht werden kann? Das kann man sich sehr leicht errechnen, wenn man wie folgt vorgeht. Zunächst werden die Erbformeln und die Vererbungseinheiten festgelegt. Dann kann das Ergebnis relativ einfach ermittelt werden.

 
 Erbformeln:
Hahn .=    KK, Mm, Gg, Hh
.                   Henne =    KK, Mm, Gg, HH

 Einzelfaktoren:           K M G H h m g

 Vererbungseinheiten: K M G H
.                                  .K m g h
.                                   K m g H
 

   Verpaarungsergebnisse:
   K M G H  K m g H
 K M G H  KK MM GG HH  KK Mm Gg HH
 K m g h  KK Mm Gg Hh  KK mm gg hH

Aus dem Beispiel kann man erkennen, dass theoretisch ein Vogel gezüchtet werden kann, der nur die guten Körpereigenschaften seiner Eltern geerbt hat. (KK MM GG HH)

Vererbung der Federstruktur
Es ist wichtig, saß sich die Züchter ihre Wellensittiche genau anschauen, damit sie sich mit der Federstruktur ihrer Vögel auseinander setzen können. Wenn über die Federstruktur gesprochen wird, kommt man automatisch zu zwei Begriffe. Yellow und Buff. Diese Begriffe haben die englischen Kanarienzüchter geprägt. Sie wurden genutzt um die Intensität der Farbe zu kennzeichnen. Bei uns Wellensittichzüchter wird mit diesen Begriffen eine Aussage über die Federstruktur gemacht. Yellow (YY YY) bedeutet eine feine Federstruktur. Buff (BB BB)  bedeutet eine grobe Federstruktur. Erkenntnisse aus letzter Zeit (der letzen 20 Jahre) zeigen, dass man durch die Federstruktur auch die Gestalt der Wellensittiche beeinflussen kann.
Die so genannten Langflügel sind fälschlicherweise nur als solche bekannt geworden. Tatsache ist, das diese Wellensittiche nicht nur lange Flügel, sondern auch alle andern Federn größer hatten und sich durch besonders große Köpfe und tiefe Masken auszeichneten. Sie sind es gewesen, die unseren heutigen Spitzenvögeln die Form und Größe gaben. Harmonisch sahen sie nicht aus. Deshalb war es auch richtig, dass sie vom englischen Wellensittichverband durch entsprechende Bewertungsrichtlinien ausgemerzt wurden. Die langen Flügel und Schwänze sind heute kaum noch anzutreffen. Die Federstruktur hat sich stark verbreitet und ist uns allen bei den so genannten "Buffs" bekannt.
Wenn heute erfolgreiche Zuchtpaare zusammen gestellt werden, kommt man gar nicht umhin, die Federstruktur zu berücksichtigen. Man muss bei einer Verpaarung jedes Teil einer Feder einzeln beurteilen. Die Federstruktur hat einen Einfluss auf die Farbe unserer Vögel. Die Leuchtkraft nimmt von Yellow zu Buff ab. Vögel mit einem Buffanteil von 50% sind für die Ausstellungen am besten geeignet, weil ihr Gefieder noch eine Struktur hat, die sich gut in Schaukondition bringen lässt. Sie erhält man durch die Verpaarung Buff mal Yellow. Zusätzlich zu der Federstruktur gibt es auch noch eine unterschiedliche Qualität. Hier spielen die Abmessungen und Dichte der Feder und der Daune eine Rolle. Zuchtziel sollte eine breite fein strukturierte Medium Feder mit einer Doppeldaune sein. Fein strukturierte Federn haben eine bessere Leuchtkraft. Auf einer breiten Feder lässt sich ein schöner runder Kehltupfen Anzüchten. Vögel mit Federn mit Doppeldaune wirken größer. Mit ihnen hat man alle Voraussetzungen der im Standard gewünschten Form so nahe wie möglich zu kommen. Welche Verpaarungen bezogen auf die Federstruktur durchgeführt werden können, zeigt nachfolgendes Berechnungsbeispiel.

Berechnungsbeispiel
(mögliche Verpaarungsergebnisse)

   Y Y  Y B  B B
 Y Y  YY YY  YY YB  YY BB
 Y B  YY YB  YB YB  YB BB
 B B  YY BB  BB YB  BB BB
 

YY YY
.=   . 0% Buff
YY YB
. =    25% Buff
YY YB
.=    25% Buff
BY YB
.=    50% Buff
BB YY
 =    50% Buff
YB YB
.=    50% Buff
YB BB
.=    75% Buff
BY BB
..=    75% Buff
BB BB
 =  100% Buff
... .............................Anteilergebnis
..
= Yellow                   = 11.11 %
.. = Yellow / Medium= 22,22 %
.. = Yellow / Medium
.. = Medium                 = 33,33 %
.. = Medium
.. = Medium
...= Medium / Buff        = 22,22 %
.. = Medium / Buff
...= Buff                        = 11,11%
 
Aus vorstehendem Berechnungsbeispiel kann man erkennen, dass es mehrere Federstrukturen zwischen Yellow und Buff gibt und wie sie sich vererben. Nicht zu erkennen sind die möglichen unterschiedlichen Abmessungen einer Feder. Diese muss man sich aus dem Vergleich der durchgeführten Verpaarungen ermitteln.

Es ist für einen nicht so erfahrenen Züchter gar nicht so einfach festzustellen, welche Federstruktur ein Wellensittich hat. Ich habe mir speziell zum Training
für das Erkennen der Struktur aber auch zur Auswertung eine Federstatistik angelegt.
Schon vor 20 Jahren habe ich, aufmerksam gemacht von englischen Freunden, versucht meine Vögel nach der Federstruktur zu verpaaren.
Das war am Anfang gar nicht so einfach.

Es gab nur wage Hinweise wonach eine Federstruktur beurteilt werden konnte.
In der Zwischenzeit konnte ich mich Kundig machen.

Wie schon erwähnt, wird das Aussehen eines Wellensittichs maßgeblich durch seine Federstruktur bestimmt. Bei Vergleichen von Federn, wie in meiner Federstatistik zu ersehen, stellt man fest dass sie in der Länge, Breite, Daune und Struktur unterschiedlich sein können.

Ein Buff - Wellensittich (BB BB)
ist ein unförmlich großer Vogel mit grob strukturiertem Gefieder und zusätzlichen vielen kleinen Kehltupfenfedern in der Maske. Die Federn sind insgesamt groß und lang. Sie sind nicht bis zum Federrand ausgefärbt. Deswegen wirkt die Farbe etwas stumpf.
Ein Medium - Wellensittich (BB YY)
sollte in der Zucht angestrebt werden, er zeigt die Qualitäten, die man braucht um auf Ausstellungen zu gewinnen. Er hat bei einer mittleren Federlänge und Federgröße eine mittlere Federstruktur welche ihn gegenüber einem Yellow - Wellensittich größer erscheinen lässt. In der Feder sind dunkle Querstreifen zu erkennen, das ist eine Erkennungshilfe. Die Farbintensität ist akzeptabel.
Ein Yellow - Wellensittich (
YY YY)
ist ein kleiner Vogel mit fein strukturiertem Gefieder, welches bis zum Federrand durchgefärbt ist. Entsprechend klein und kurz sind seine Federn. Er hat, wenn er nicht aus einer Spezialzucht stammt eine kleine Maske mit überwiegend kleinen Kehltupfen. Die Federn liegen wegen ihrer feinen Struktur eng am Körper. Das lässt alles an ihm kleiner erscheinen.

 Was kann ich aus den einzelnen Federn Erkennen?

 Schwanzdeckfedern, Unterschwanz und Oberschwanz.
 
Diese lassen uns die Federstruktur erkennen.

 Unterbauchfedern
 Diese sind kombiniert mit den Daunen. Sie verraten uns
 welches Volumen ein Wellensittich erreichen kann.

 Kehltupfenfedern
 Aus der Form und Größe können Rückschlüsse gezogen
 werden wie ein Wellensittich aussehen kann.
 

 

 Auf dem Bild rechts ist eine Buff - Oberschwanzfeder, 7 cm lang mit  einer Doppeldaune von einem dunkelblauen Hahn zu sehen.

Rechts ist eine Buff - Oberschwanzfeder, 7 cm lang mit einer Doppeldaune von einem dunkelblauen Hahn zu sehen.

Wie kann zum Beispiel eine Kehltupfenform züchterisch beeinflusst werden?
- Die Form eines Kehltupfens welche man einem Wellensittich anzüchten kann, wird bestimmt durch die Struktur, Breite und
  Länge der Feder.
-
Mit einer Medium - Feder, mittel lang, abgerundet und breit, kann man einen runden Kehltupfen züchten.
- Mit einer langen, spitzen und schmalen Buff - Feder erhält man eine längliche Kehltupfenform
  Eine starke Beeinflussung kann durch Kompensation erreicht werden.

Heute, im Computerzeitalter, ist es alles viel einfacher. Ich habe eine Federstatistik von den für mich wichtigsten Zuchtvögeln in meinem Computer, nach der Ringnummern des jeweiligen Wellensittichs geordnet, abgelegt. Diese steht jederzeit für Vergleichsbetrachtungen (Federform, Federabmessung, Federstruktur und Daune) bei durchzuführenden Verpaarungen zur Verfügung. Sie glauben gar nicht wie aussagefähig so eine Statistik sein kann. Hat man sich an vielen Beispielen geschult, ist es relativ einfach die Federn richtig einzuordnen und zu ermessen, welche Vererbungsbeeinflussungen möglich sind. Das bedeutet aber nicht, dass man sich die Wellensittiche in Natura nicht mehr ansehen muss. Wie schon vorher festgestellt, sollen nie zwei Wellensittiche mit den gleichen Fehlern verpaaret werden. Das gilt auch für die Belange der Feder.

Nachfolgend zwei Beisiele:
Beispiel Nr. 1
   
  Vater
  Bild in voller Größe
  Mutter
  Bild in voller Größe

                                                                            
  Tochter
  Bild in voller Größe

Beispiel Nr. 2

 

 
  Vater
  Bild in voller Größe
  Mutter
  Bild in voller Größe

 
  Sohn
  Bild in voller Größe
  Bild Vogel

Als Beispiel zur besseren Beurteilung der Federqualität können die Federbilder im größeren Maßstab gewählt werden. Damit ist die Federbeschaffen besser zu erkennen. Leider kommt die Struktur der Feder wie sie im Original zu sehen ist, nicht ganz zum Ausdruck.

Aus Übungsgründen überlasse ich es Ihnen herauszufinden, ob die beiden vorgestellten Verpaarungen eine Verbesserung ergeben haben.
Weil einige Züchter sich keine Gedanken darüber machen, welche Wellensittiche am besten zusammen passen, kommt es auch häufig vor, dass zum Beispiel schmale und lange Bufffedern an die gleiche Federart gepaart wird und daraus Vögel fallen, die dann entsprechend aussehen (Maske überseht mit vielen kleinen Kehltupfen und ansonsten mit einem struppigen hängenden Körpergefieder. Das sind Vögel, die sowohl für die Ausstellung als auch für die Zucht schlecht geeignet sind. Wenn man auf die Federstruktur nicht geachtet hat, sind bedingt brauchbar noch diejenigen die eine Stufe davor liegen, die so genannten Medium/Buffs.

Zum Schluss möchte ich noch etwas über Stirnflecken sagen. Durch den Wunsch der Züchter, größere Kehltupfen zu züchten, wurden auch andere Partien am Wellensittichkörper beeinflusst, so dass wir uns nicht zu wundern brauchen, dass heute Wellensittiche auch Pigmentanhäufungen in nach dem Standard sauber geforderten Zonen haben. Zum Beispiel: schmutzige Hals- Nacken- und Flügelzeichnungen bei den Opalinen. Nach meinen Erfahrungen lassen sich diese schlechten Begleiterscheinungen mit Partnern, die in der Halsgegend Pigmentausfall (ich meine nicht das Opalisieren) haben (auch ein starker Ausstellungsfehler bei den Normalen, der fälschlicherweise weniger streng als die Farbfehler bei den Opalinen gewertet wird), weg züchten. Es ist unbedingt erforderlich, dass die Verbände in ihren Bewertungsrichtlinien Anweisungen festlegen, dass sich solche Farb- und Zeichnungsfehler nicht verbreiten.

Resümee:
Ich gebe zu, dass einiges was Sie gelesen haben, sich im ersten Moment sehr theoretisch anhört. Wer sich aber im Detail damit beschäftigt kommt mit Sicherheit zu dem Schluss, dass es gar nicht so theoretisch ist. Ein besonders wichtiger Bereich ist die Beachtung der Federstruktur/Federqualität bei den Verpaarungen. Jeder wird erkennen, dass mit den vorgestellten Grundsätzen gezielt eine bestimmte Zuchtrichtung beeinflusst werden kann. Diese Beeinflussung kann aber nur erfolgen, wenn die Zusammenhänge zur Erreichung eines gewünschten Zuchtergebnisses bekannt sind. Ich zweifle nicht an, dass auch mit Gefühl und Glück oder Veranlagung gezüchtet werden kann. Ein erfolgreicher Züchter muss und hat sicher eine gewisse Veranlagung für die Zucht. Manche erreichen gute Zuchtergebnisse, ohne erklären zu können wie diese zu Stande gekommen sind. Diesen Züchtern kann es sicher auch nicht schaden, wenn sie sich bemühen würden heraus zu finden durch welche Zusammenhänge ihr Ergebnis erreicht wurde. Bekanntlich sind Gefühle und Glück sehr wechselhaft und können deshalb keine Basis für eine auf Dauer erfolgreiche Zucht sein.

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