Artikel 30
Künstliche Befruchtung bei Wellensittichen
Hans-Jürgen H. Lenk DSV Nr. 749 (03.2005)

Vorab möchte ich feststellen, dass ich bis jetzt noch keine Ruhe und Zeit gefunden habe, eine künstliche Befruchtung bei meinen Wellensittichen vor zu nehmen. Immer kommt mir etwas dazwischen. Zurzeit bin ich für etwa 8 Wochen wegen eines gebrochen Fußknochen, in meiner Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt und musste deshalb jetzt meine Zuchtsaison 2005 so gut wie beenden. Ich konnte also den nachfolgend aufgezeigten Weg einer künstlichen Befruchtung in der Praxis noch nicht ausprobieren.

Seit einigen Jahren wird immer wieder mal über eine erfolgte künstliche Befruchtung bei Wellensittichen berichtet. Da auch ich eine solche mal versuchen will, habe ich alles was mir in diesem Zusammenhang bekannt wurde zusammengestellt.

Mir ist bekannt, dass eine künstliche Befruchtung von der BS (Englischer Wellesittich Verband) verboten ist. Von der WBO (World Budgerigar Organisation)  wird diese nicht empfohlen. Deutsche Verbände nehmen dazu nicht Stellung.

Ich kann nichts Verwerfliches an einer künstlichen Befruchtung sehen und empfinde das Verbot auch als abstrakt. Wie kann man etwas verbieten, bei dem man nicht in der Lage ist, es zu überprüfen. Darüber hinaus ist eine künstliche Befruchtung in der Tierzucht heute schon etwas Alltägliches. Ich glaube, dass eine künstliche Befruchtung bei Wellensittichen auch keine allgemeine Praxis werden wird.
Das eine künstliche Befruchtung bei Wellensittichen möglich ist, hat sich in der Praxis schon erwiesen, und wurde zum Beispiel in der englischen Zeitschrift (Budgerigar World) veröffentlicht. Danach schlüpfte das erste künstlich befruchtete WS- Küken am späten Abend des 2. Septembers 1986. Die Versuche wurden von Dr. Jamie Samour und Janet Markham, The Zoological Soc. of London, Regents Park durchgeführt. Es wurden sowohl mit frisch abgezapftem Sperma, als auch mit tief gefrorenem Sperma (drei Wochen bei minus 196 o C gelagert) Versuche durchgeführt. Mit beiden war man erfolgreich. Der Versuch und die Bilder der Nachzuchten wurden in der englischen Budgerigar World, November 1986 Seite 22, geschildert bzw. abgebildet. Leider geht aus diesen Informationen nicht hervor, wie die Befruchtung praktisch erfolgte.  

Zum besseren Verständnis zeige ich nachfolgend noch einige Sachverhalte bezogen auf einen normalen Befruchtungsvorgang auf, die man zu dem Vorhaben Wellensittiche künstlich zu befruchten wissen sollte.  

Was geschieht bei einer natürlichen Befruchtung und wie kann man sich die einzelnen Abläufe vorstellen?

Die Befruchtung
Ein neues Leben beginnt mit der Befruchtung der Eizelle (Keimscheibe). Die Befruchtung bei Wellensittichen erfolgt meistens auf einer Stange oder auf einem Zweig.
 

Sie geht in der Weise vor sich, dass die Henne mit durchgebogenem Rücken sitzt und der Hahn sich fest, unter zur Hilfename seines ausgebreiteten Flügels, auf den Rücken krallt. Dabei presst er seine Kloake mehrfach wechselnd von der einen zur anderen Seite gegen die Kloake der Henne. Die Spermen werden vom Hahn ausgestoßen, von der Kloake der Henne eingesogen und wandern den Eileiter hinauf. Sie können den Ort der Befruchtung in weniger als 30 Minuten erreichen. Die Zeitdauer für die Bildung des Eis beträgt 24 - 48 Stunden zwischen Befruchtung und Eiablage. Der Tretakt muss etwa 50 Stunden vor dem Legen des ersten Eies erfolgen damit eine Befruchtung sicher erfolgen kann.

Ein Spermavorrat reicht für etwa 4 Tage. Es können also 2 Eier damit befruchtet werden. WS- Spermen können bis 3 Wochen im Eileiter der Henne am Leben bleiben.

Die Funktion und der Aufbau der männlichen Geschlechtsorgane.
(siehe auch schematische Darstellung)

Beim Hahn münden die Samenleiter (4) aus beiden Hoden (1), die Harnleiter (3) und der Enddarm (5) in die Kloake. Das Sperma gelangt in die Nähe der zapfenförmigen Wölbung, des Begattungsorgans. Der Brutrhythmus richtet sich nach der Brutkondition. Die Hoden haben bei einem Hahn der nicht in Brutkondition ist eine Größe von etwa 2 - 3 mm. Sie vergrößern sich auf etwa 13 mm, wenn die Brutkondition erreicht wird. Bei einem Hahn ist auch noch zu bedenken, dass er in Zyklen, Spermen produziert. 

 

Wissenschaftliche Erkenntnisse.
Ein Experiment der zoologischen Gesellschaft von London sagt uns wann WS- Hähne befruchten können.
(Wer sich detaillierter über dieses Experiment informieren will, kann das auf meiner Homepage, Artikel 5: Sind Standard - Wellensittiche heute weniger fruchtbar als früher?, nachlesen.)
Ergebnis aus diesem Experiment:
Die Spermenproduktionsperioden sind wie folgt:

 Anfang März
 Anfang Juni
 Anfang Oktober
 Mitte Dezember
 bis Ende April
 bis Mitte September
 bis Anfang November
 bis Anfang Februar

 (Dies bezieht sich natürlich nur auf den nördlichen Bereich von England. (Anmerkung: ähnliche Klima- Verhältnisse wie in Nordrhein - Westfalen)
Innerhalb der genannten Bereiche war die Nasenhaut der Wellensittichhähne tief blau. Die Mauser war bedeutungslos gering.
In der unfruchtbaren Zeit wurde bemerkt, dass die Nasenhaut blassblau und die Mauser stark sichtbar war. Die Hähne wurden für das Experiment separat mit Hörkontakt zu anderen Wellensittichen, auch Hennen, gehalten. 

Die Funktion und der Aufbau der weiblichen Geschlechtsorgane.
(siehe auch schematische Darstellung)

Bei der Henne gelangen die Harnleiter (3) der linke Eileiter (7-9) und der Enddarm (5) in die Kloake. Der Eileiter hat eine Öffnung (Trichter (7) zum Eierstock (6). Dieser vergrößert und verlängert sich um ein Vielfaches, wenn die Henne in Brutkondition ist. Hier werden die reifen Eifolliken (der Eidotter) aufgenommen. Im oberen Teil des Eileiters erfolgt die Befruchtung. Im Anschluss danach wird der Eidotter mit dem Eiweiß umschichtet, siehe (8). Dann wird die Eihaut und die Kalkschale um das Eiinnere gebildet (siehe 9). Durch die walkenden Bewegungen des unteren Eileiters wird das Ei heraus geschoben Die Kloake hat mehrere Funktionen.

 

Durch sie gelangt der Kot, der Harn, (als weißer Punkt auf dem Kot gut zu erkennen) und darüber hinaus wird sie auch noch als Scheide genutzt.

Die künstliche Befruchtung
Was soll durch eine künstliche Befruchtung erreicht werden?

Da gibt es sicher einen Hauptwunsch:
Es sollen die guten Eigenschaften eines herausragenden Hahnes in der Breite im Stamm verteilt werden, in der Absicht viele von diesen guten Wellensittichen zu züchten. Es gibt sicher auch noch eine Reihe von anderen Gründen  wo eine künstliche Befruchtung von Vorteil sein kann.
Zum Beispiel, wenn ein sehr guter Hahn fruchtbar ist, aber es nicht fertig bringt eine Henne richtig zu besteigen und zu befruchten. Bei diesen Gründen sollte man aber darauf achten, dass sich solche Eigenschaften nicht vererben.

Voraussetzung bei einem Hahn für eine künstliche Befruchtung ist:
dass die eingesetzten Wellensittiche gesund und in Brutkondition sind.
Wenn der ausgewählte Hahn in der Flugvoliere in Brutkondition ist, kann er zur Spermaendnahme genutzt werden.
Eine andere Möglichkeit besteht darin, den Hahn der als Spermaspender genutzt werden soll, mit einer  Henne zur Zucht einzusetzen, ihn normal die Brut mit dieser Henne durchführen zu lassen und nur zur  Spermaendnahme für andere Hennen heraus zu fangen.

Was die zu nutzende Hennen anbelangt, hat man sicher auch mehrere Möglichkeiten.
Eine besteht darin ein in Brutkondition befindliches Paar in eine Zuchtbox einzusetzen. (Hier sollte sicher sein, dass der Hahn nicht befruchtet. Der Test ob er Unfruchtbar ist, kann erfolgen wie später beschrieben.)
Eine andere Möglichkeit ergibt sich dadurch, eine oder mehrere in Brutkondition befindliche Hennen einzeln in Zuchtboxen einzusetzen und sie nach einander zu befruchten, da eine Henne maximal nur drei Junge alleine aufziehen sollte, wird man nicht umhinkommen für Ammenpaare zu sorgen.

Befruchtungszeitraum:
was den Befruchtungszeitraum anbelangt, sollte man auf jeden Fall die Ablage des ersten Eies abwarten, um sicher zu gehen, dass auch Eier gelegt werden.
Als Nebenprodukt kann man bei einem in der Brut befindlichem Paar, welches nach der Ablage des dritten Eies, das erste Eie nicht befruchtet hat auch hier eine künstliche Befruchtung vornehmen.

Entnahme des Spermas bei einem Wellensittichhahn.
Nach dem der betroffene Hahn gefangen wurde, wird er so in die Hand genommen, dass seine Unterseite nach oben zeigt, spätestens jetzt sollte man im Kloakenbereich die Federn etwas entfernen, um die Kloake besser erkennen zu können. Durch leichten Druck im unteren Bauchbereich, kann das Sperma herausgedrückt und mit einem Glasröhrchen, (Mikro - Haematokritröhren Nr. 563, Firma Assistent mit welchem ein Arzt eine Blutprobe für eine Blutzuckerermittlung abnimmt) aufgefangen und so entnommen werden. Das Sperma hat in diesem Röhrchen etwa ein Volumen/Länge von 5 bis 10 mm und eine weis/gelbliche Farbe. Bei diesem Vorgang kann auch erkannt werden, ob ein Hahn zeugungsfähig ist.
Er ist nicht zeugungsfähig wenn er kein Sperma abgibt.
War man Erfolgreich beim Abzapfen des Spermas, dann ist es jetzt möglich dieses Sperma für eine künstliche Befruchtung zu nutzen. Da mir nicht bekannt ist, wie lange das Sperma ohne besondere Vorkehrungen haltbar ist, sollte die künstliche Befruchtung möglichst schnell erfolgen.

Übertragung des Spermas in die Kloake der Henne.
Nachdem die Henne aus dem Nistkasten genommen wurde, ist sie in einen Kasten zu setzen in welchem zu erkennen ist, dass sich die Henne entleert hat (Kot abgesetzt hat). Nur dann kann davon ausgegangen werden, dass das Sperma die Stelle erreichen kann, wo die Befruchtung erfolgt. Dann nimmt man die Henne derart in die Hand, das die Schwanzfedern zum Rücken gebogen sind. (Diese Haltung entsprich auch in etwa der Haltung der Henne beim Tretakt). Durch den zurück gebogenen Schwanz öffnet sich die Kloake der Henne. Das Sperma kann jetzt aus dem Röhrchen auf die geöffnete Kloake gepustet werden und zieht sich wenn der Schwanz in seine Normallage kommt, selbständig ein.

Artikel 42
Praktische Hinweise für eine künstliche Befruchtung bei Wellensittichen.

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